αισθησις

αισθησιν γαρ δη επιστημην απεκρινω: η γαρ;
— Ναι

»Wahrnehmung sei Wissen [macht das Wesen des Wissens aus], hast du nämlich geantwortet, nicht wahr?
—Ja.«

P***
(Theätet, 184 b 4)

Falschheit als Grund einer innersten Not

Charakteristischerweise ist nun von diesen verschiedenen Abwandlungen der Unwahrheit lediglich die zuletzt aufgeführte bekannt geworden: die Unwahrheit im Sinne des Verstellten (...). Daß diese Weise der Unwahrheit im Sinne der Falschheit allein in den Blick kam und streckenweise zum Problem gemacht wurde, und zugleich wie sie das wurde, dies beides ist nichts Gleichgültiges, sondern der Grund einer innersten Not, an der seitdem die Existenz des Menschen trägt. Es bestimmt sich von da her wesentlich der Gang und die Richtung der Geschichte des abendländischen Geistes und seiner Völker.

H***
(Vom Wesen der Wahrheit, S. 145-6)

Mehrdeutige Unwahrheit

Die umfassend begriffene Unwahrheit erweist sich nun als durch und durch zweideutig. Das Nicht-Unverborgene, das Nicht-Wahre ist einmal das Verborgene im Sinnen des Nicht-Entborgenen und sodann das Verdeckte als das Nicht-mehr-Entborgene. Beide, sowohl das Noch-nicht-Entborgene wie das Nicht-mehr-Entborgene, sind wiederum mehrdeutig. Entweder: das Noch-nie-Entborgene, Noch-nie-Offenbargemachte, obzwar Entbergbare; und zum andern: das Verdeckte als das Nicht-mehr-Entborgene, zuvor aber Offenbare, kann sein das wieder vollends in die Verborgenheit Zurückgesunkene — oder ein Verborgenes, das aber dabei noch in gewisser Weise entborgen ist und sich zeigt: das Verstellte.

H***
(Vom Wesen der Wahrheit, S. 145)
Es geschieht ein Abrücken, ein Abwesend-werden des Seienden vom Menschen.

H***
(Vom Wesen der Wahrheit, S. 140)

Die Weg-heit des Seienden

(...) für die Griechen bedeutet das Sein des Seienden Anwesenheit. Das Größte und was deshalb dem Seienden am Gefährlichstem geschehen kann, ist dies, daß es abwesend wird, weg ist: das Aufkommen von Abwesenheit, das Weg-sein, die Weg-heit des Seienden. Es tritt ein ληθη des Seienden, Verborgenheit, — nicht im Sinne des aufbewahrenden Versteckens, sondern einfach Weg-sein.

H***
(Vom Wesen der Wahrheit, S. 140)

Verdrehung

Verdrehung (το ψευδος) heißt die Sache so drehen, daß sie uns eine Seite zukehrt, dabei anderes was dahintersteckt, verstellen und verdecken; das Zukehren und Drehen kann nun aber sogar so sein, daß die zugekehrte Seite nicht etwas anderes, was dahintersteckt, verbirgt, sondern daß versteckt wird, daß eben nichts dahinter ist, — so drehen, daß der Eindruck entsteht, es sei etwas dahinter; daß es nach etwas aussieht, aber das nicht ist, als was es sich zeigt.

H***
(Vom Wesen der Wahrheit, S. 136)

Wahrheit als Verneinung

Dann ist also die Wahrheit der Sache nach selbst schon eine Verneinung. In der Un-Verborgenheit wird zur Verborgenheit »nein« gesagt. Dann liegt alles umgekehrt: die Wahrheit ist Verneinung (negativ), die Un-Wahrheit Bejahung (positiv).

H***
(Vom Wesen der Wahrheit, S. 131)