Gedankenjagd

Der obigen Krankheit stehen die Ideenzüge und ihr höherer Grad die Gedankenjagd entgegen. In derselben leidet das Vorstellungsvermögen an einem doppelten Gebrechen. Die Ideen scheinen theiis isolirt und ohne Verknüpfung zu seyn, die sie nach den Gesetzen der Association haben füllten, theiis folgen sie sich im Verhältniss mit dem Kraft-Maass des Kranken so schnell, dass es ihm an Weile fehlt, sie festzuhalten, zu beäugeln, zu vergleichen, zu trennen. Es keimen Bilder der Erinnerung, neue Schöpfungen
der Phantasie und tolle und verwirrte Raissonnements auf, die die Seele weder fixiren noch lenken kann.

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Rhapsodieen über die Anwendung der psychischen Curmethode auf Geisteszerrüttungen, S. 132.

Catalepsie des Vorstellungsvermögens

Die Seele starrt zuweilen unverwandt auf ein Object, oder auf einen engen Kreis verwandter Objekte hin, wie ein Thier, das von einer Klapperschlange ins Gesicht gefasst ist. Sie feiert nicht, sondern wirkt; es fehlt ihr aber die Mobilität zum Fortschreiten in ihren Handlungen. Diesen Zustand derselben werde ich Catalepsie ihres Vorstellungsvermögens nennen. Die Grade derselben sind verschieden. Gesunde Menschen wiederholen zuweilen ein Wort ohne Wechsel, oder starren unverwandt ein nahe gelegnes Object an, ohne klares Bewusstseyn ihrer Existenz, und bemerken erst beim Aufhören des Anfalls, dass fie abwesend waren. Sie sind dabey im Stande, sich zu bewegen und gewöhnliche Gegenstände wahrzunehmen , doch scheint es, als geschähe dies bloss durch mechanische Reflektionen im Nervensystem. In diesem Zustande, den man eine Vertiefung in Gedanken zu nennen pflegt, ift der Mensch ohne Gedanken, kann also auch darin nicht vertieft seyn. Steigt die Catalepsie, so hören alle Wirkungen des Gemeingefühls, der Sinne und der Phantasie auf, die Associationen stocken und alles Bewusstseyn der Subjektivität und Objektivität geht verlohren. Es ift vollkommne Geistesabwewenheit vorhanden.

Alle Kranke, die am fixen Wahnsinn leiden, sind mehr oder weniger cataleptisch. Sie haben zwar einigen Wechsel ihrer Vorstellungen, der aber nicht über den Kreis hinausgehen kann, in welchem ihr Wahnsinn sie beschränkt.

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Rhapsodieen über die Anwendung der psychischen Curmethode auf Geisteszerrüttungen, S. 125-126.

Zusammengesetzte Seelenkrankheiten

In der Wirklichkeit find die meiften Seelenkrankheiten Zusammensetzungen. Sie entstehn als unbedeutende Grössen, wachsen aber im Fortwälzen wie Schneelavinen, zu Massen an, die den ganzen Mikrokosmus bouleversiren. Wir finden sie in Gruppen und Züge, die die Natur aus mehreren Arten in einem Individuum zusammenhäuft. Diese Gruppen bestehn theils aus lauter Seelenkrankheiten, theils aus Krankheiten von verschiedner Natur. Ihr Causalverhältniss ist mannichfaltig.

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Rhapsodieen über die Anwendung der psychischen Curmethode auf Geisteszerrüttungen, S. 124.

Mangel an Ausdauer

Die Richtung der Kraft auf einen Punkt, oder das Aufmerken und Wirken auf einen Gegenstand, muss im gesunden Zustande eine gewisse Ausdauer haben.

In asthenischen Nervenkrankheiten ermüdet sie im Vortrage, beim Zuhören und überhaupt im Verfolgen eines Gegenstandes des Denkens. Sie muss zu oft wechseln, zu oft Ruhepunkte haben und nach ihrer Anstrengung bleibt ein Gefühl von Schwäche zurück. Mangel an Ausdauer und Bedürfniss des Wechsels verursacht Flatterhaftigkeit. Die Seele hüpft vor schneller Ermüdung von einem Gegenstand auf den andern, ohne einen festhalten zu können.

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Rhapsodieen über die Anwendung der psychischen Curmethode auf Geisteszerrüttungen, S. 123, 124.

Wanken der dynamischen Temperatur im Seelenorgan

Es heben sich Vorstellungen, die sich auf den handelnden Theil beziehn, aus der Menge zum klaren Bewusstseyn hervor und ziehn dadurch unsere Besonnenheit und Aufmerksamkeit an. Alles übrige schwimmt, wie die entfernten Gegenstände einer Landschaft, am Helldunkel vorüber. Allein dies Wirken des Nervensystems in seinen verschiednen Getrieben erfolgt nach einer festen Regel, die durch die normale Vertheilung seiner Kräfte gegründet und durch das Auffallen bestimmter Objekte im Selbstbewusstseyn und der Besonnenheit angekündiget wird. Sobald dies Verhältniss der dvnamischen Temperatur im Seelenorgan wankt, so wankt auch die normale Receptivität für äussere Gegenstände; es weicht die Ausbreitung der bewirkten Erregungen ab von den Gesetzen der Association. Die Angel der Verbindung ist abgezogen, einzelne Getriebe wirken für sich, Nebelsterne dringen aus der Tiefe zur Klarheit hervor, und es wird in uns eine Welt sichtbar, von der wir nicht ahndeten, dass sie in uns vorhanden sey.

Was sind dunkele Vorstellungen, Vorstellungen ohne Bewusstseyn? Chimären.

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Rhapsodieen über die Anwendung der psychischen Curmethode auf Geisteszerrüttungen, S. 114-5.

Aufmerksamkeit

Aufmerksamkeit ist das Vermögen der Seele, ihre Kraft willkührlich an den Gegenstand zu fesseln, der durch die Besonnenheit angemerkt und aus der Menge zum klaren Bewusstseyn ausgehoben ist.

Ihre Krankheiten sind denen gleich, die bey der Besonnenheit bereits angemerkt sind nemlich Zerstreuung und Vertiefung.

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Rhapsodieen über die Anwendung der psychischen Curmethode auf Geisteszerrüttungen, S. 110, 111.

Besonnenheit

Die Besonnenheit liegt also in der Mitte zwischen Zerstreuung und Vertiefung, beide Zustände sind Abweichungen von ihr nach verschiedenen Richtungen. Je weiter der Mensch von dem normalen Standpunkt in der Mitte sich entfernt, desto mehr ist er an dem einem Extrem vertieft, am andern zerstreut und an beiden Enden auf dem Wege zur Verrückung. Der Zerstreute irrt unter einer Menge von Gegenständen herum, ohne einen fest zu halten; der Vertiefte kann sich von dem Objekte nicht losreissen, das ihn gegenwärtig fesselt.

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Rhapsodieen über die Anwendung der psychischen Curmethode auf Geisteszerrüttungen, S. 109.