Jägeroptik



Das Google Glass totalisiert die Jägeroptik, die alles ausblendet, was keine Beute, das heißt, keine Information verspricht. Das tiefere Glück der Wahrnehmung, des Sehens, aber besteht in deren Effizienzlosigkeit. Es entspricht dem langen Blick, der bei den Dingen verweilt, ohne sie auszubeuten.

Ha*
(Im Schwarm, S. 60)

Informationsmasse und Wahrheitsmasse

Die Information ist kumulativ und additiv, während die Wahrheit exklusiv und selektiv ist. Im Gegensatz zur Information bildet sie keinen Haufen. Man begegnet ihr nämlich nicht häufig. Es gibt keine Wahrheitsmasse. Informationsmasse hingegen gibt es. Ohne Negativität kommt es zu einer Vermassung des Positiven. Aufgrund ihrer Positivität unterscheidet sich die Information auch von Wissen. Das Wissen liegt einfach nicht vor. Man kann es nicht einfach vorfinden wie Information. Ihm geht nicht selten eine lange Erfahrung voraus. Es besitzt eine ganz andere Zeitlichkeit als die Information, die sehr kurz und kurzfristig ist. Die Information ist explizit, während das Wissen oft eine implizite Form annimmt.

Ha*
(Im Schwarm, S. 56)

Das Narrative und das Zählbare

Der digitale Mensch fingert in dem Sinne, dass er ständig zählt und rechnet. Das Digitale verabsolutiert die Zahl und das Zählen. Auch Facebook-Freunde werden vor allem gezählt. Die Freundschaft ist aber eine Erzählung. Das digitale Zeitalter totalisiert das Additive, das Zählen und das Zählbare. Sogar Zuneigungen werden in Form von Gefällt-mir gezählt. Das Narrative verliert massiv an Bedeutung. Heute wird alles zählbar gemacht, um es in die Sprache der Leistung und Effizienz umwandeln zu können. So hört heute alles, was nicht zählbar ist, auf zu sein.

Ha*
(Im Schwarm, S. 50-1)

Arbeitszeit



Die Muße beginnt dort, wo die Arbeit ganz aufhört. Die Zeit der Muße ist eine andere Zeit. Der neoliberale Imperativ der Leistung verwandelt die Zeit in Arbeitszeit. Er totalisiert die Arbeitszeit. Die Pause ist nur eine Phase der Arbeitszeit. Heute haben wir keine andere Zeit als die Arbeitszeit. So nehmen wir sie nicht nur in den Urlaub, sondern auch in den Schlaf mit. Daher schlafen wir heute unruhig. Die erschöpften Leistungssubjekte schlafen so ein wie das Bein einschläft. Auch die Entspannung ist insofern nicht mehr als ein Modus der Arbeit, als sie zur Regeneration der Arbeitskraft dient. Die Erholung ist nicht das Andere der Arbeit, sondern deren Produkt.

Ha*
(Im Schwarm, S. 48-9)

Zähmung der Bilder



Die Bilder, die als Abbilder eine optimierte Realität darstellen, vernichten gerade den ursprünglichen ikonischen Wert des Bildes. Sie werden in Geiselschaft genommen durch das Reale. Daher sind wir heute trotz oder gerade wegen der Bilderflut ikonoklastisch. Die konsumierbar gemachten Bilder zerstören die besondere Semantik und Poetik des Bildes, das mehr ist als bloßes Abbild des Realen. Die Bilder werden gezähmt, indem sie konsumierbar gemacht werden. Diese Zähmung der Bilder bringt ihre Verrücktheit zum Verschwinden. So werden sie um ihre Wahrheit gebracht.

Ha*
(Im Schwarm, S. 41)

Smartphone



Das Smartphone ist ein digitaler Apparat, der mit einem komplexitätarmen Input-Output-Modus arbeitet. Es tilgt jede Form der Negativität. Dadurch verlernt man, auf eine komplexe Art zu Denken. Es lässt auch Verhaltensformen verkümmern die eine temporale Weite oder Weitsichtigkeit erfordern. Es fördert die Kurzfristigkeit und die Kurzsichtigkeit und blendet das Lange und das Langsame aus. Das lückenlose Gefällt-mir erzeugt einen Raum der Positivität Aufgrund ihrer Negativität unterbricht die Erfahrung als Einbruch des Anderen die imaginäre Selbstbespiegelung. Die Positivität, die dem Digitalen innewohnt, reduziert die Möglichkeit einer solchen Erfahrung.

Ha*
(Im Schwarm, S. 35)

Literarische Krise

»Seit zehn oder zwanzig Jahren passiert beinahe nichts mehr in der Literatur. Es gibt eine Flut von Veröffentlichungen, aber einen geistigen Stillstand. Die Ursache ist eine Krise der Kommunikation. Die neuen Kommunikationsmittel sind bewundernswert, aber sie verursachen einen ungeheuren Lärm.« [So Butor]. Das Medium des Geistes ist die Stille. Offenbar zerstört die digitale Kommunikation die Stille. Das Additive, das den kommunikativen Lärm ausmacht, ist nicht die Gangart des Geistes.

Ha*
(Im Schwarm, S. 32)