Der einzelne und die Masse

Wer nicht schon sehr früh einen Großteil seiner Energie allein darauf verwende, sich gegen den Massenwahnsinn zu stemmen, sei unweigerlich dem Stumpfsinn anheimgefallen, so er. Man müsse aber gleichzeitig mit der Geschichte als Masse wie mit der Gegenwart als Masse fertig werden, um überleben zu können, nur den wenigsten gelinge das. Der einzelne habe, genau genommen, immer alles gegen sich und er habe immer gegen alles mit sich selbst fertig zu werden in einem Prozeß, welcher naturgemäß immer nur ein todlicher Prozeß sein könne. Das Leben oder der Existenz seien nichts anderes als der unaufhörliche und tatsächlich ununterbrochene verzweifelte Versuch, sich in allen möglichen Beziehungen aus allem herauszuretten in die Zukunft, welche immer wieder nur diesen gleichen unendlichen tödlichen Prozeß eröffne. Die Masse lehne ja schon den Gedanken, geschweige denn das Denken ab, weil sie sonst augenblicklich vernichtet sei, so hätten wir es mit einer vollkommen gedankenlosen Masse zu tun, die im Grunde gegen nichts, aber immer gegen das Denken sei.

Be***

(Die Billigesser, S.160-1).

Alte Esche und alte Eiche

Immer, wenn ich ihn in der letzten Zeit in den Wertheimsteinpark hinein begleitet hatte, war es ihm in der Nähe der alten Esche, oder in der Nähe der alten Eiche unmöglich gewesen, nicht auf den Umstand zurückzukommen, daß er an diesem in Frage stehenden Tage, aus was für einen Grund immer, nicht zur alten Esche, sondern zur alten Eiche gegangen war, als gründete sich schließlich und endlich für ihn alles, was auf diesen Entschluß hatte folgen müssen, auf dieses Ereignis, wie er auch immer wieder alles später Eingetretene auf diesen Entschluß zurückführte, und es war mir immer vorgekommen, als wäre sein Denken überhaupt in ein solches vor dem Ereignis, daß er urplötzlich zur alten Eiche und nicht zur alten Esche gegangen war und in ein solches nach diesem Ereignis geteilt, was er auch in Worten immer wieder zum Ausdruck gebracht hatte und was mich die erste Zeit doch immer recht irritiert, schließlich und endlich aber nicht mehr im geringsten gestört hatte, weil es mir aufeinmal selbst, auf ihn bezogen, plausibel gewesen war. Vor dem Ereignis, hatte er sehr oft gesagt und vorausgesetzt, daß ich gewußt habe, um was für ein Ereignis es sich handelte, wäre er in dieser oder jener Verfassung gewesen, nach dem Ereignis in dieser oder jener, wie er vor allem sehr oft gesagt hatte, daß sein Denken vor dem Ereignis ein volkommen anderes gewesen, als nach dem Ereignism welches wahrscheinlich das wichtigste Ereignis seines Lebens überhaupt gewesen war, wie ich immer deutlicher gesehen hatte und eingesehen hatte und einsehen hatte müssen. Alle Fäden, alle Zusammenhänge also in seinem Kopf, waren im Wertheimsteinpark als einem Zentrum seines Denkens miteinander in Berührung gekommen, darauf gründete sich in ihm alles, denke ich. Der Wertheimsteinpark war, von dem Ereignis an, die absolute Schaltzentrale seines Denkens gewesen, ganz gleich, wo er sich zu welchem Zeitpunkt nach dem Ereignis aufgehalten hatte. Er hatte mir gegenüber einmal angedeutet, daß selbst seine Träume ohne den Wertheimsteinpark undenkbar geworden waren von dem Ereignis an und daß alle Träume ausschließlich immer auf den Wertheimsteinpark zurückzuführen gewesen seien, sehr oft habe er diesen Umstand naturgemäß mißtraut, aber er sei immer wieder auf diese Tatsache gekommen, wenn er sich die Mühe gemacht habe, einen solchen Traum nachzugehen, wie er immer, wenn er, ganz gleich welcher Sache nachgegangen sei, auch diese Sache auf das Ereignis im Wertheimsteinpark zurückführen hatte können, es war ihm mit der Zeit eine Selbstverständlichkeit geworden, jeder wichtigeren Sache nachzugehen und sie ganz einwandfrei auf den Wertheimsteinpark zurückzuführen. Natürlich mußte diese möglicherweise verrückte, aber wahrscheinlich noch sein Denken schärfende Vorgangsweise, alles zu Denkende aufzulösen und zuerst einmal auf den Wertheimsteinpark zurückzuführen und dadurch erst tatsächlich zu klären, seiner wissenschaftlichen Arbeit zugute kommen und er selbst war sich der Nützlichkeit seiner Übung bewußt, denn die Fortschritte, die sein Denken dadurch gemacht hatte, waren ganz deutlich in seinen Äußerungen erkennbar gewesen, die großen Fortschritte also, die er in den letzten Jahren aufgrund dieser möglicherweise absurden Methode gemacht hatte. Die mit ihm geführten Gespräche und überhaupt Unterhaltungen hatten auf diese Weise mit der Zeit einen sehr hohen Schwierigkeitsgrad erreicht, waren aber gerade dadurch umso erfrischender gewesen. Zugegeben hatte der mit ihm unvermittelt in Berührung gekommene Außenstehende glauben müssen, es mit einem hochgradig Verrückten zu tun zu haben und ich selbst hatte lange Zeit diesen Eindruck haben müssen (...).

Be***

(Die Billigesser, S. 134-5).

Die hohen Interessen der Wirklichkeit

Die Not der Zeit hat den kleinen Interessen, der Gemeinheit des alltäglichen Lebens eine so große Wichtigkeit gegeben, die hohen Interessen der Wirklichkeit und die Kämpfe um dieselben haben alle Vermögen und alle Kraft des Geistes sowie die äußerlichen Mittel so sehr in Anspruch genommen, daß für das höhere, innere Leben, die reinere Geistigkeit, der Sinn sich nicht frei erhalten konnte und die bessern Naturen davon befangen und zum Teil darin aufgeopfert worden sind — weil der Weltgeist in der Wirklichkeit so sehr beschäftigt war, daß er sich nicht nach innen kehren und sich in [sich] selbst sammeln konnte.

He***

(Heidelberger Antrittsrede, 1816).

Erklärung der Philosophie

Man ist überhaupt der Erklärung der Philosophie müde geworden, daß man sie mißverstanden habe.

He***

(Solger-Rezension, 846).

In der Hauptstadt

Man sei in einem Staate, was man sei, so ist es am besten, es in der Hauptstadt zu sein; der Aufenthalt in einer Provinzstadt kann immer für eine Verweisung angesehen werden, wenn man es auch selbst wäre, der sich verwiese.

He***

(brieflich an Niethammer).