
Kulturpathologische Reaktionsbildungen
Wie der modernen Bevölkerungspolitik die Feinabstimmung ihrer demographischen Instrumente mißlingt, so mißlingt der etatisierten Pädagogik die Feinabstimmung ihrer Erziehungsmaßnahmen. Aufgrund der Eigenlogik der Schule wird die moderne Kultur von riesigen Überschüssen nicht anschlußfähiger Idealismen überschwemmt — Personalismus, Humanismus, Utopismus, Moralismus sind ihre offizielle Ausprägungen. Dieses Zuviel provoziert eine Serie von kulturpathologischen Reaktionsbildungen — von Eskapismus und innerem Rückzug bis zu Romantizismus, Revoltismus und Immoralismus.
Sl*** (Du mußt dein Leben ändern, S 549).
Sl*** (Du mußt dein Leben ändern, S 549).
Überproduktion
<...> entwickelt sich die frühmoderne Schule zur Ambitionszelle der zu verändernden Welt, ja zum Inkubator aller späterer »Revolutionen«. Sie will nicht nur die bessere Welt in der schlechten vorbereiten, sie möchte die Welt insgesamt auf die bessere Seite ziehen, und zwar durch die Produktion von Absolventen, die für die Welt, wie sie ist, zu gut sind. Die Schule muß der Ort werden, an dem die Anpassung des Menschen an die schlechte Wirklichkeit hintertrieben wird. Eine zweite Überproduktion soll die Schäden der ersten wiedergutmachen.
Sl*** (Du mußt dein Leben ändern, S 547).
Sl*** (Du mußt dein Leben ändern, S 547).
Menschenverbesserung en masse
Aus dem Aufbruch des modernen Staats zur Menschenproduktion emergiert durch das Dazwischentreten der Erzieher die wirkungsmächtigste Idee des vergangen halben Jahrtausends: Die Vorstellung der Weltverbesserung trat auf den Plan, als die barocke Schule den Auftrag annahm, die Humankatastrophe abzuwehren, die der frühmoderne Staat durch seine Politik der zügellosen Menschenproduktion auslöste. Weltverbesserung bedeutet in dieser Situation: Menschenverbesserung en masse.
Sl*** (Du mußt dein Leben ändern, S 546).
Sl*** (Du mußt dein Leben ändern, S 546).
Staatsherrschaft
Tatsächlich ist der Staat der vorklassischen wie des klassischen Zeitalters, und er vor allem, ein lebenmachender Staat, und zwar aus dem so einfachen wie fatalen Grund, daß er, als merkantiler Staat, als Steuerstaat, als Infrastrukturstaat und als Staat der stehenden Heere, eine Form von Souveränität anstrebt, die bereits die Entdeckung des demographischen Massengesetzes zur Voraussetzung hat: Demgemäß bedeutet Macht in ihrer jüngeren Deklinationsform vor allem Herrschaft über die größtmögliche Zahl von Untertanen — wobei der Untertan im Rahmen der expandierenden Eigentumsökonomie schon durchwegs als nicht-sklavische Arbeitskraft, als ein Regungszentrum von Wertschöpfung und als besteuerbare Eigennutz-Zentrale konzipiert wird.
Sl*** (Du mußt dein Leben ändern, S. 535).
Sl*** (Du mußt dein Leben ändern, S. 535).
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