Kur der Narrheit

Die Kur der Narrheit ist schwer. Denn die bey ihr vorhandene Schwäche und Desorganisation aller Seelenvermögen gründet sich entweder auf eine ursprüngliche Anlage, oder ist Folge heftiger Erschütterungen des Seelenorgans, Wirkung anderer Geisteszerrüttungen, und daher meistens ein veralterter Fehler. Die Stumpfheit des Verstandes macht die Kranken taub für alle Reize; sie haften auf nichts, wegen der Flucht ihrer Vorftellungen.

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Rhapsodieen über die Anwendung der psychischen Curmethode auf Geisteszerrüttungen, S. 401.

Die Narrheit

Narrheit ist allgemeine Verkehrtheit und Schwäche der Seelenkräfte ohne Tobsucht und Biödsinn, doch dem letzten am nächsten verwandt. Durch das erste Merkmahl unterscheidet sie sich von dem fixen Wahnsinn; und von der Tobsucht und dem Blödsinn dadurch, dass ihr die Merkmahle dieser Krankheiten fehlen. Freilich sind meine Charaktere negativ, und daher ist das Object nur unter der Voraussetzung bestimmt, dass es ausser den aufgeführten Arten der Geisteszerrüttungen keine anderen giebt. Auch fühle ich es nur zu gut, dass die Narrheit weniger genau, als die übrigen Arten definirt sey. Vielleicht ist es gar nicht einmal Art, sondern ein Chaos mehrerer specifisch - verschiedner Zustände, was ich unter diesem Namen zusammengestellt habe.

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Rhapsodieen über die Anwendung der psychischen Curmethode auf Geisteszerrüttungen, S. 396.

Anfall von Tobsucht

Meistens fängt der Anfall mit allerhand körperlichen Phänomenen an. Es entsteht ein Gefühl brennender Hitze im Unterleibe, grosser Durft, verschlossener Leib. Die Hitze steigt aufwärts zur Brust, zum Hälse und Kopf, das Gesicht wird roth, die Schlagadern des Halses und der Schläfe pulsiren heftig. Endlich dehnt sich dieser Process bis zum Gehirn aus, und in diesem Augenblick entsteht der blinde und unwiderstehliche Drang zum Morden, wie die Fallsucht erfolgt, wenn ihre vorlaufende Aura das Gehirn erreicht hat. Die Krankheit ist anhaltend, doch meistens periodisch. Die Anfälle kehren zu verschiednen Zeiten bald früher bald später wieder.

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Rhapsodieen über die Anwendung der psychischen Curmethode auf Geisteszerrüttungen, S. 389.

Kur der Tobsucht

Die Kur der Tobsucht bedarf noch einer grossen Läuterung. Viele Beobachtungen über dieselbe sind unbrauchbar, weil sie sich auf kein haltbares Object, sondern bald auf die wahre Raserey, bald auf jede andere Geisteszerrüttung beziehn, die mit heftigen Handlungen verbunden war.

Zu diesem Behuf muss man in der Regel der im Inneren vorhandenen Erregung freien Spielraum lassen, damit sie sich auf die ihr natürlichste Art äussern könne, aber sich hüten, die irritablen Theile durch heterogene Reize zu einer gezwungenen Thätigkeit zu nöthigen.

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Rhapsodieen über die Anwendung der psychischen Curmethode auf Geisteszerrüttungen, S. 381-2.

Zwangsmaassnahmen bei Tobsucht

Das Binden , die Zwangswesten, das Einsperren in Tollkoben und das Anschliessen an Ketten ist meistens zweckwidrig, besonders solang als man noch Hoffnung hat, den Kranken zu heilen. Für unheilbare Rasende in den Aufbewahrungsanstalten müssen noch eigene Mittel erfunden Werden. Die Zähmungen haben keinen andern Zweck, als dass der Kranke sich und andern nicht schaden. Ueber denselben dürfen sie also auch nicht hinausgehn. Meistens ist ein freier Platz oder ein bewegliches Rad zureichend. In bösen Fällen legt man ihm eine Zwangswefte an, oder einen Gurt um den Leib, welcher hinten einen Ring hat, der an einen festen Gegenstand angehängt werden kann. Ueberfällt den Kranken plötzlich ein Anfall seiner Wuth, wenn er in Freiheit ist, so bediene man sich des Halbzirkels, einer Rüstung, durch welche man vor Verletzungen desselben gesichert ist, oder man lasse die Dienstleute in Masse anrücken.

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Rhapsodieen über die Anwendung der psychischen Curmethode auf Geisteszerrüttungen, S. 385-6.

Ursachen der Tobsucht

Die Ursachen der Tobsucht sind verschieden. Mittleres Alter, männliches Geschlecht, magerer Körper, cholerisches Temperament, heftiger und leidenschaftlicher Charakter, heisses Klima und eine vorhandene Melancholie fördern ihre Entstehung. Schwangerfchaft, Geburt, heftige Anstrengungen des Seelenorgans, Zorn, Aerger, Schwächungen durch Ausleerungen, Onanie, Gefässfieber, Anomalien der Menstruation und Hämorrhoiden erregen sie wirklich. Merkwürdig ist es , dass diese Ursachen, mehr Beziehung auf den Körper, als auf die Seele haben. So erregen auch alle Pflanzengifte, die den Geist zerrütten, fast durchaus Raserey.

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Rhapsodieen über die Anwendung der psychischen Curmethode auf Geisteszerrüttungen, S. 380.

Tobsucht eine köperliche Krankheit

Die Krankheit ist einfach, in der Wuth ohne Verkehrtheit; oder zusammengesetzt, wenn sie mit einem allgemeinen oder partiellen Wahnsinn, mit Narrheit, Blödsinn oder mit einem Gefässfieber, z.B. in der Phrenesie, verbunden ist. Nach diefer Schilderung der Phänomene der Tobfucht kann ich sie nicht für eine psychische, sondern muss sie vielmehr für eine körperliche Krankheit halten. Sie ist nicht, wie Boerhaave will, ein höherer Grad der Melancholie, sondern eine eigne, specifisch von ihr verschiedene Krankheit. Der Melancholische handelt absurd im Gefolge kranker Vorftellungen, der Tobfüchtige im Gefolge eines blinden Impülses. Beide können zerstören, wüthen und morden, aber aus verschiedenen Bewegursachen, dieser wie ein Automat, jener nach Zwecken.

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Rhapsodieen über die Anwendung der psychischen Curmethode auf Geisteszerrüttungen, S. 376.