Frage und Antwort

Aber mit dem Verhältnis von Frage und Antwort hat es im Bereich der Philosophie eine einzige Bewandtnis. Es gilt, um im Bilde zu reden, einen Berg zu besteigen. Das gelingt nicht dadurch, daß wir in der Ebene des gewöhnlichen Meinens uns aufstellen und über diesen Berg Reden halten, um ihn auf diese Weise zu »erleben«, sondern der Aufstieg und die Gipfelnähe gelingt nur so, daß wir sogleich zu steigen beginnen. Wir verlieren dabei zwar den Gipfel aus dem Blick und kommen ihm doch nur nahe und näher, indem wir steigen, wozu auch das Zurückgleiten und Abrutschen und in der Philosophie sogar der Absturz gehört.

H***
(Grundfragen der Philosophie, S. 22-23).

Die Offenheit

Diese vielfach einige Offenheit waltet in der Richtigkeit. Die Offenheit wird durch die Richtigkeit des Vorstellens nicht erst erzeugt, sondern umgekehrt nur immer als das schon Waltende übernommen. Richtigkeit des Vorstellens ist nur möglich, wenn sie sich in dieser Offenheit als in dem sie Tragenden und Überwolbenden jeweils festsetzen kann. Die Offenheit ist der Grund und Boden und Spielraum aller Richtigkeit.

H***
(Grundfragen der Philosophie, S. 20).

Idealismus

Allerdings meldeten sich mit der Zeit Bedenken gegen diese Auffassung der Wahrheit, und zwar insofern, als man zu zweifeln begann, ob denn unser Vorstellen das Seiende selbst und an sich überhaupt erreiche und nicht vielmehr in den Umkreis seinen eigenen Tätigkeit, also in den Bezirk der »Seele«, des »Geistes«, des »Bewußtseins«, des »Ich« eingeschlossen bleibe. Diesem Zweifel nachgehend, sagt man: Was wir in unserem Vorstellen erreichen, ist immer nur das von uns Vor-gestellte, somit selbst eine »Vorstellung«. Demnach besteht die Erkenntnis und die Aussage in der Vorstellung einer Vorstellung, somit in einer Verbindung von Vorstellungen. Dieses Verbinden ist eine Tätigkeit und ein Vorgang, der sich lediglich »in unserem Bewußtsein« abspielt.

Mann nennt diese Lehrmeinung, nach der sich unser Vorstellen nur auf das Vorgestellte, das perceptum, die idea bezieht, Idealismus.

H***
(Grundfragen der Philosophie, S. 16, 17).

Wahrheit ist Richtigkeit

Wahrheit ist Richtigkeit, oder in der noch geläufigeren Vorstellung: Wahrheit ist die Übereinstimmung der Erkenntnis (des Vorstellens — Denkens — Urteilens — Aussagens) mit dem Gegenstand.

Wahrheit
Richtigkeit
rectitudo
adaequatio
assimilatio
convenientia
ομοιωσις
Übereinstimmung

H***
(Grundfragen der Philosophie, S. 16).

Das Weltalter der Fraglosigkeit

Wenn wir den heutigen Standort des Menschen auf der Erde metaphysisch — also nicht historisch und auch nicht weltanschaulich — zu bestimmen versuchen, dann muß gesagt werden, daß der Mensch beginnt, in das Weltalter der gänzlichen Fraglosigkeit aller Dinge und aller Machenschaften einzutreten — ein ungeheures Geschehnis, dessen Richtungssinn niemand festzulegen und dessen Tragweite keiner abzuschätzen vermag.

H***
(Grundfragen der Philosophie, S. 13).

Die Frage nach der Wahrheit

Die Frage nach der Wahrheit — selbst wenn die Antwort noch ausbleibt — klingt schon als Frage sehr anspruchsvoll.

Und dennoch: Größer als dieser Anspruch ist die Zurückhaltung, von der dies Fragen nach der Wahrheit durchstimmt sein muß. Denn es soll ja nicht ein feststehendes »Problem« wieder erörtert werden, sondern die Frage nach der Wahrheit soll als Grundfrage gefragt werden. Das bedeutet: die Wahrheit soll erst aus dem Grunde als das Frag-würdige gewürdigt werden.

H***
(Grundfragen der Philosophie, S. 12).