Der reine Funktionär des Absoluten
Hier stellt sich der Idealismus ein pures Exerzitium des Aufmerksamswerden des Geistes auf sein eigenes Operieren vor. Hat sich das Denken von allem Objektivismus losgerissen und jedem Fetischglauben an ein vorgängiges, autonomes Sein abgeschworen, tritt es, nach Fichte, in eine Zone absoluter Freiheit ein. In ihr erlischt das bisherige weltverfallene Ich und wird durch eine unbedingte von Bewußtsein erhellte Lebendigkeit »endogener« Art ersetzt. Von nun an ist der Wissende ein reiner Funktionär des Absoluten. Er versteht sich als einen Strahl, der aus dem jeden Ich vorgelagerten Göttlichen in die Erscheinungswelt hervorgeht. Er begreift sich als einen bevollmächtigten Agenten der Idee und lebt auf Erden als ein von höchster Motivationen erfüllter Scheintoter.
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(Scheintod im Denken, S.114
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(Scheintod im Denken, S.114
Heiligkeit, Genialität
Man hat vergessen oder nie bedacht, daß das Genialität in der Renaissance als neopaganes Substitut der christlichen Heiligkeit lizensiert worden war — beide jedoch, Heiligkeit und Genialität, waren ihrerseits epochentypische Neuauslegungen des antiken Scheintod-Konzepts: Hier wie dort sollte der Einzelne sein profanes sterbliches Ich ablegen, um es gegen ein unzerstörbares geistseelisches Selbst auszutauschen. Dieser Tausch fügt den mittelalterlichen Menschen in die Gemeinschaft der Heiligen ein; bei den Individuen der frühen Neuzeit kommt er eine Aufnahme in den Hochadel des »Furors« gleich.
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(Scheintod im Denken, S.112
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(Scheintod im Denken, S.112
Eine Prozession von imaginären Scheintoten
Wenn man den Verlauf der europäischen Geistesgeschichte bis an die Schwelle zum 20. Jahrhundert summa summarum als eine Prozession von imaginären Scheintoten beschreiben darf, die sich dem theoretischen Leben verschrieben haben, monastisch und laïkal, professoral und zivil, ethisch und ästhetisch, dann beweist dies die unermeßliche Suggestivität der platonischen Lehre von der Vorwegnehmbarkeit des Zustands, in dem die Denkseele »desinteressiert«, »mortifiziert« und »abgetrennt« wird.
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(Scheintod im Denken, S.103)
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(Scheintod im Denken, S.103)
Der berufsmäßige Leser
Der berufsmäßige Leser, der Gelehrte, der Pandit, wird zum Agenten einer neuartigen Form von Konzentration — ja, er sammelt nicht nur, er verwandelt sich selbst in eine Sammlung, in einen mit Wissen angefüllten Menschen, der zwischen inneren und äußeren Speichern hin- und hergeht. Er bewährt sich als homo humanus indem er seine Existenz als Hineingehaltensein in den Zwischenraum zwischen innerer memoria und äußerem Archiv bewältigt.
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(Scheintod im Denken, S.91)
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(Scheintod im Denken, S.91)
Ernten auf den Feldern des Wissens
Das Lesen gilt folgerichtig als Ernten auf den Feldern des Wissens. Der homo legens wird so auf unauffällige Weise zu allgemeiner epoché-Fähigkeit erzogen. Wer gelernt hat, auf beschriebene Rollen und bedruckte Seiten zu schauen, übt immer schon Abstand gegenüber dem Geschriebenen, das seinerseits Abstand zum Gesagten und Erlebten hält. Er fungiert als Erntearbeiter in dem Maß, wie er fähig ist, aus den Parzellen des Textes das Seine zu holen. Wie nach Heidegger Denken und Danken zusammengehören, so auch Lesen und Sammeln.
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(Scheintod im Denken, S.90-1)
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(Scheintod im Denken, S.90-1)
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