Produkte statt Ursachen

Zur gründlichen Erkenntniss und Cur der entfernten Ursachen des Wahnsinns würde es nöthig seyn, dass theils der Zusammenhang der absolut äusseren Potenzen mit dem Gehirn, durch die Vermittelung der Nerven, theils die specifisch eigenthümlichen Krankheiten der Organisation, die die Seelenvermögen verletzen bestimmt angegeben würden. Allein beides ist uns in den meisten Fällen unmöglich. Wir sind daher genöthiget, uns an die Verletzungen der Seelenkräfte zu halten, durch welche sie sichtbar werden, und die Produkte statt der Ursachen aufzufassen. Allein nach dem Befund jener können wir diese nicht mit Zuverlässigkeit bestimmen. Denn den Seelenvermögen sind keine abgemessenen Grenzen im Nervensystem angewiesen.

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Rhapsodieen über die Anwendung der psychischen Curmethode auf Geisteszerrüttungen, S. 256.

Kultur des Verstandes

Häufig sind sinnliche und moralische Auswüchse Ursache der Geisteszerrüttungen. Die Sinnlichkeit herrscht, die Einbildungskraft überflügelt den Verstand, Schein und lrrthum, Aberglaube und Vorurtheile verrücken die richtige Ansicht solcher Gegenstände, an welchen jeder Mensch warmen Antheil nimmt. Liebe, Ehre, Habe, Religion, Gesundheit und persönliche Sicherheit treten in einem falschen Lichte hervor. Das Heer der Leidenschaften wird rege und die Vernunft geht durch ihre Stürme zu Grunde. Diesen Uebeln soll man durch Kultur des Verstandes begegnen, und durch sie die verschiedene Naturen des Menschen in ihre natürlichen Verhältnisse einsetzen.

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Rhapsodieen über die Anwendung der psychischen Curmethode auf Geisteszerrüttungen, S. 279-280.

Arbeit macht gesund

In allen Irrenhäuser müssen die Kranken zur Arbeit angehalten werden, welches man durch einen leichten Zwang bewerkstelligen kann, wenn sie erst unterjocht sind. Dadurch wird die körperliche Gesundheit, mit derselben frohe Laune und in dem Tollhause Regel und Ordnung erhalten. Allein ausserdem ist die Arbeit noch ein treffliches Mittel den Irrsinn selbft zu heilen. Sie muss gesund, wo möglich in freier Luft und mit Bewegung und Abwechselung verbunden seyn. Das letzte ist wenigstens in Beziehung auf fixes Wahn nothwendig.

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Rhapsodieen über die Anwendung der psychischen Curmethode auf Geisteszerrüttungen, S. 240-1.

Unterjochung des Geisteskranken

Um den Kranken zu unterjochen muss man ihm zuförderst jede Stütze rauben, damit er sich durchaus hülflos fühle. Man entferne ihn von seinen Verwandten; dem Gesinde, das ihm gehorchen muss, von seinem Hause und aus seiner Vaterstadt; bringe ihn in ein Tollhaus, in welchem ihm weder das Lokal noch die Menschen bekannt sind. Dies spannt seine Erwartung, und um desto mehr, wenn seine Einführung in dasselbe mit feierlichen und schauderhaften Scenen verknüpft ist. Er hört bey seiner Annäherung Trommelschlag, Kanonendonner, fährt über Brücken, die in Ketten liegen, Mohren empfangen ihn. Ein Eintritt unter so ominösen Vorbedeutungen kann auf der Stelle jeden Vorsatz zur Widerspenstigkeit vernichten. In der Absicht hat man es auch bereits wirklich vorgeschlagen, die Kranken bey Nacht, oder in verdeckten Wagen, und durch Umwege in die irrenanstalt zu fahren, um sie dadurch zu täuschen, als würden sie in ferne Gegenden fortgeschafft.

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Rhapsodieen über die Anwendung der psychischen Curmethode auf Geisteszerrüttungen, S. 225.

Vorläufige allgemeine Regeln

Vorläufig einige allgemeine Regeln, die auf die psychische Curmethode des Wahnsinns überhaupt Bezug haben.

1) Ein zuverläffiges Heilverfahren dieser Krankheit ist nach dem jetzigen Stand unseres Wissens nicht möglich. Die Natur derselben und ihre Causalverhältnisse sind uns wenig bekannt und die Wirkungen der psychischen Mittel so relativ, dass wir auf nichts Bestimmtes rechnen können.
2) Eine Hauptsache ist es, dass der Kranke gleich beim ersten Ausbruch seiner Geisteszerrüttung in die Hände eines geschickten Arztes falle. Die Krankheit schreitet fort, ändert ihre Gestalt wird schwerer heilbar mit ihrem Alter und ein Fehlgriff bey den ersten Versuchen kann den Kranken für jeden künftigen Plan unempfänglich machen.
3) Alle zum Behuf des Curplans erfundenen psychischen Mittel, Zerstreuungen, Ableitungen u.s.w. müssen dem Kranken als durch Zufall herbeigeführt erscheinen und daher mit Klugheit und Behutsamkeit ausgeführt werden, damit er nichts von Absicht oder Betrug ahnde. In dieser Hinsicht rechne man nicht zuviel auf seinen Stumpfsinn.
4) Verliert derjenige, welcher die Cur des Kranken vorzüglich handhabet, das Zutrauen desselben durch irgend einen Fehlgriff in der Methode, so gelingt ihm schwerlich irgend ein künftiger Versuch. Er gehe ab und überlasse seinen Platz einem andern Arzt, den sein Irrthum auf einen entgegengesetzten besseren Weg leiten kann.
5) Den Kranken, der sich ermannt hat, muss man zu halten suchen. In dem Moment, wo er zurücksinken will, setze man ihm gleich eine Stütze. An Mannichfaltigkeit der Mittel darf es daher dem psychischen Arzt nicht fehlen. Jeder wiederkehrende Anfall hinterlässt eine neue Zerrüttung des Gehirns.

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Rhapsodieen über die Anwendung der psychischen Curmethode auf Geisteszerrüttungen, S. 218-221.

Brenkenhoffsche Troge

Diese neue Tortur, sagt Claproth im Entwurf eines Gesetzbuchs 1. Forts. (1774) besteht in einem rund ausgehöhlten Troge, in welcher der Inquisit horizontal ausgestreckt gelegt, unten an beyden Füssen geschlossen, auch an den Hals ein hölzerner Kragen befestiget wird; beyde Armen aber, mittelst zweyer in dem Trog gemachten Ausschnitte, ausserhalb des Troges, der Länge nach ausgestreckt sind, und der Inquisit auch an jeder Hand festgeschlossen ist. Ohne alle andre Peinigung muss er nur im Troge unbeweglich liegen, bis er bekennt.

Beyträge zu der juristischen Litteratur in den preussischen Staaten. Eine periodische Schrift, vierte Sammlung, Berlin 1780, S. 206-7.

Unschädliche Arten der Tortur

a) Erregung des unangenehmen Lebensgefühls
b) Hunger und Durst
c) Niesmittel
d) Blasenpflaster, Haarseilen, das Abbrennen der Moxa, das glühende Eisen oder brennendes Siegellack
e) Das Peitschen mit Brennesseln
f) Ein starker Kitzel
g) Die Krätze
h) Unschädliche Arten der Tortur, z.B. die Brenkhöffschen Tröge, das Tropfbad auf den abgeschorenen Wirbel des Kopfs, das tormentum cum scarabaeo, mure vel capra
i) Züchtigungen durch Ruthenstreiche
k) Das Wasser

In allen andern Fällen, wo der Kranke keine Strafe verdient, keine Begriffe von derselben und ihrem Verhältniss zur Untugend hat, sinnlos, keiner Furcht oder Correction fähig ist, sind sie zwecklos und alsdenn Barbarey. Sie machen diese unglücklichen Geschöpfe furchtsam, misstrauisch und heimtückisch, vermehren ihre Wuth, stürzen sie in einen unheilbaren Zustand und verwandeln ihre Verkehrtheit in Blödsinn. Die Züchtigungen mussen nicht unmässig und grausam, oder der Gesundheit nachtheilig, sondern dem Zweck angemessen seyn, und gleich unterbleiben, wenn der Zweck wegfällt, oder erreicht ist. Sie werden in der Maasse gemildert und abgeändert, als die Vernunft wiederkehrt.

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Rhapsodieen über die Anwendung der psychischen Curmethode auf Geisteszerrüttungen, S. 188-197.