Der Mensch in der Kulturphilosophie

Was geschieht, ganz abgesehen von der kulturphilosophischen Einordnung des Menschen in die Kultur, in diesen Deutungen? Der Mensch und vielleicht auch der heutige wird so vom Ausdruck seiner Leistungen her dargestellt. Und doch bleibt die Frage, ob diese Darstellung des Menschen sein Da-sein trifft und ergreift, ja zum Sein bringt, ob diese Dar-stellung, die am Ausdruck orientiert ist, das Wesen des Menschen nicht nur faktisch verfehlt, sondern es notwendig verfehlen muß, ganz abgesehen von der Ästhetik. Mit anderen Worten: diese Philosophie gelangt nur zur Dar-stellung des Menschen, aber nie zu seinem Da-sein. Sie gelangt nicht nur faktisch nicht dazu, sondern kann notwendig nicht dahin gelangen, weil sei sich selbst den Weg dazu verbaut.

H***
(Die Grundbegriffe der Metaphysik, S. 113).

Da-sein und Weg-sein

Wir sehen: am Ende gehört zur Weise, wie der Mensch überhaupt ist, dieses Wegseinkönnen. Aber er kann nur wegsein in dieser Weise, wenn sein Sein den Charakter des Da-seins hat. Wir nennen das Sein des Menschen Da-sein in einem noch zu bestimmenden Sinne im Unterschied zum Vorhandensein des Steines. Zum Wesen des Daseins gehört am Ende dieses Weg-sein. Das ist nicht ein beliebiges Vorkommnis, das zuweilen eintritt, sondern ist ein wesenhafter Charakter des menschlichen Seins selbst, ein Wie, gemäß dem er ist, so daß ein Mensch, sofern er existiert, in seinem Dasein immer auch schon und notwendig in irgendeiner Weise weg ist.

H***
(Die Grundbegriffe der Metaphysik, S. 95).

Bewußtes Nicht-Da-sein

Wie oft sind wir bei einem Gespräch in einer Gesellschaft »nicht da«, wie oft finden wir, daß wir abwesend waren, ohne daß wir dabei eingeschlafen wären. Dieses Nicht-Da-sein, Weg-sein, hat mit Bewußtheit und Unbewußtheit in dem üblichen Sinne gar nichts zu tun. Im Gegenteil, dieses Nicht-Da-Sein kann sehr bewußt sein.

H***
(Die Grundbegriffe der Metaphysik, S. 95).

Negatives Infragestellen des Ich

Man pflegt immer als besonderes Charakteristikum zu nennen, daß die Neuzeit seit Descartes nicht mehr von der Existenz Gottes und den Gottesbeweisen ausgeht, sondern vom Bewußtsein, vom Ich. Wir sehen daß in der Tat das Ich, das Bewußtsein, die Vernunft, die Person, der Geist im Zentrum der Problematik steht. Wenn wir diese Tatsache beachten und fragen, ob am Ende in dieser zentralen Stellung des Ich, des Selbstbewußtseins zum Ausdruck kommt, daß in der neuzeitlichen Philosophie das fragende Ich mit in Frage gestellt wird, dann müssen wir sagen: Es ist in der Tat so, aber in einer eigentümlichen Weise. Denn das Ich, das Bewußtsein, die Person wird so in die Metaphysik hineingenommen, daß dieses Ich gerade nicht in Frage gestellt wird. Das bedeutet nicht ein einfaches Unterlassen des Infragestellens, sondern das Ich und das Bewußtsein wird gerade als das sicherste und fragloseste Fundament dieser Metaphysik zugrundegelegt.

H***
(Die Grundbegriffe der Metaphysik, S. 84).

Das Schicksal der eigentlichen Philosophie

Metaphysik wird zum Titel für die Erkenntnisse des über das Sinnliche hinausliegenden, für die Wissenschaft und Erkenntnis des Übersinnlichen. Das läßt sich an der lateinischen Bedeutung deutlich machen. Die erste Bedeutung von μετα, hinterher, heißt im Lateinischen post, die zweite Bedeutung trans. Der technische Titel »Metaphysik« wird jetzt zu einer inhaltlichen Bezeichnung der πρωτη φιλοσοφια.

Dieser Umschlag des Titels ist durchaus nichts Beiläufiges. Es entscheidet sich damit etwas Wesentliches — das Schicksal der eigentlichen Philosophie im Abendland.

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(Die Grundbegriffe der Metaphysik, S. 59, 60).

Wohin mit der eigentlichen Philosophie?

Aufgrund dieses festen Bestandes der drei Disziplinen der Philosophie war man außerstande, das, was Aristoteles als eigentliche Philosophie bezeichnet, aufzunehmen. Gegenüber der eigentliche Philosophie des Aristoteles entstand die Verlegenheit, daß sie in keine der Disziplinen gehörte. Andererseits konnte man gerade dieses, was von Aristoteles als das eigentliche Philosophieren bezeichnet wird, am wenigsten beiseitelassen. Somit enstand die Frage: Wohin mit der eigentlichen Philosophie im Schema der drei Disziplinen, die zu erweitern oder zu ändern die Schule außerstande war? Wir müssen uns diese Lage ganz klar machen: Das wesentliche der Philosophie ließ sich nicht unterbringen. Die Schulphilosophie geriet gegenüber dem Philosophieren in eine Verlegenheit.

H***
(Die Grundbegriffe der Metaphysik, S. 57).