Nichtmehrzugelassensein des Zeitvertreibes

Diese Stimmung, der wir Ausdruck geben in dem »es ist einem langweilig«, hat das Dasein schon so gewandelt, daß wir in diesem Gewandeltsein auch schon verstehen: es wäre nicht nur aussichtslos, gegen diese Stimmung mit irgendeinem Zeitvertreib anrennen zu wollen, sondern es wäre fast so etwas wie eine Vermessenheit, uns zu verschließen gegen das, wsa diese Stimmung uns sagen will. Der dieser Langeweile entsprechende Zeitvertreib fehlt nicht einfach, sondern er wird von uns gar nicht mehr zugelassen mit Rücksicht auf diese Langeweile, in der wir schon gestimmt sind.

H***
(Die Grundbegriffe der Metaphysik, S. 204-5).

Die tiefe Langeweile

Die tiefe Langeweile langweilt dann, wenn wir sagen, oder besser, wenn wir es schweigend wissen: es ist einem langweilig.

H***
(Die Grundbegriffe der Metaphysik, S. 202).

Charakteristik der zwei Formen der Langeweile

(Es werden im folgenden die beiden Formen der Langeweile, das Gelangweiltwerden von... und das Sichlangweilen bei..., in der Charakteristik der 7 Punkte je mit I. und II. bezeichnet).
  1. Im Hinblick auf das Strukturmoment der Leergelassenheit:
    In I. lediglich das Ausbleiben der Fülle für eine vorhandene Leere,
    in II. das Sich-allererst-bilden der Leere.
  2. Im Hinblick auf das Strukturmoment der Hingehaltenheit:
    In I. das Aufgehaltensein durch das Zögernde eines irgendwie benötigten Zeit,
    in II. das Nicht-entlassen- und Gestellt-sein von der stehenden Zeit als dem zurückgelassenen Selbst.
  3. Bezüglich der Situationsbezogenheit der Langeweile:
    In I. die Gebundenheit und das Festgeklemmtsein auf die bestimmte, von äußeren Umständen begrenzte Situation,
    in II. die Ungebundenheit an das bestimmte, in der Situation vor sich gehende.
  4. in I. das im Gelangweilten selbst auffälligen Betreiben des Zeitvertreibes im Suchen einer bestimmten Beschäftigung mit etwas Beliebigem,
    in II. das unauffällige, dem sichlangweilenden Selbst verdeckte Sichabspielen des Zeitvertreibes im ganzen Verhalten während der Situation.
  5. In I. die flatternde Unruhe des Zeitvertreibes, ein irgendwie leicht verwirrtes Anrennen gegen die Langeweile und demgemäß ein Umgetriebenwerden in der Langeweile selbst. (Denn die Unruhe des Zeitvertreibes macht gerade die Langeweile selbst gewissermaßen drängender und unruhiger).
    In II. der Zeitvertreib mehr nur ein Ausweichen vorder Langeweile, die Langeweile selbst mehr ein Sichlangweilenlassen.
  6. Der Unterschied bezüglich der Schwingungsweite der Langeweile:
    In I. das Eingezwängtsein zwischenbestimmtes Langweiliges, und dementsprechend ein Festkleben daran,
    in II. das schwebende Hindurchgebreitetsein der Langeweile durch die ganze Situation.
  7. In I. das gleichsam äußere Eintreffen und Ankommen der Langeweile aus der bestimmten Umgebung,
    in II. das Aufsteigen der Langeweileim und aus dem Dasein gelegentlich der betreffenden Situation.
    Demgemäß in I. das Herauszappeln in die Zufälligkeit der Langeweile,
    in II. das Hereingezogenwerden in die eigene Schwere der Langeweile.

H***
(Die Grundbegriffe der Metaphysik, S. 196-7).

Zeithaben und Keine-Zeit-haben

Wir haben keine Zeit, weil wir selbst nicht lassen können von dem Mittun bei allem, was gerade los ist. Am Ende ist dieses Keine-Zeit-haben einen größere Verlorenheit des Selbst als jenes sich Zeit lassende Zeitverschwenden. Vielleicht liegt in diesem Zeithaben eine weit größere Ausgeglichenheit und damit Sicherheit des Daseins — ein Bei-sich-selbst, das zum mindesten ahnt, daß das Wesentliche im Dasein durch keine Betriebsamkeit und Hetze erzwungen werden kann, was freilich nicht ausschließt, sondern vielleicht gerade bedingt, daß wir uns gerade in dieser Situation, wo wir uns Zeit lassen, gleichwohl langweilen bei... Dieses Zeithaben und Keine-Zeit-haben ist wesentlich zweideutig. Das »Keine-Zeit-haben« das so aussieht wie der strengste Ernst, ist vielleicht die größte Verlorenheit an die Banalitäten des Daseins.

H***
(Die Grundbegriffe der Metaphysik, S. 195).

Die stehende Zeit .2

Diese stehende Zeit — das sind wir selbst, aber unser Selbst als das Zurückgelassene seiner Herkunft und Zukunft. Dieses stehende Jetzt kann uns in seinem Stehen gerade sagen, daß wir es stehengelassen haben, d.h. aber, daß es uns gerade nicht entläßt, sondern uns die Gebundenheit an es aufdrängt.

Dieses Nichtentlassensein von unserer Zeit, die von dem stehenden Jetzt her sich uns aufdrängt, ist die Hingehaltenheit an die stehende Zeit, also das gesuchte Strukturmoment des Sichlangweilens bei...

Wenn wir so, losgelassen in das Dabeisein, gestellt werden von dem stehenden Jetzt, das unser eigenes, aber aufgegebenes und leeres Selbst ist, langweilen wir uns.

H***
(Die Grundbegriffe der Metaphysik, S. 189).