Zehn Attentäter .7

An siebenter Stelle nenne ich die Unterwanderung des akademischen Diskursbetriebs durch die Wissenssoziologie. Sie entlarvte den Schein objektiver Theorie durch den Nachweis einer strikten Bindung aller gängigen Diskurse an akademische Erfolgsmuster und an die Sprachspiele machthabender Mehrheiten. Als erster zog Max Scheler aus diesen Untersuchungen ein einddrucksvolles Resümee, als er in seinen Studien zur Wissenssoziologie die nicht aufhebbare Gebundenheit von Erkenntnissen an »Interessen« offenlegte.



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(Scheintod im Denken, S.141)

Zehn Attentäter .6

An sechster Stelle nenne ich die Aufsprengung des philosophischen Systemdenkens und der naturwissenschaftlichen Weltanschauung durch den Existentialismus. (...). Bekanntlich hat Sartre (vor seiner mutwilligen Selbstunterbietung durch Anbiederung an die marxistische Soziologie) das Wesen des Menschen als einen Überschuß an Negativität gedeutet, die sich in einer permanenten Losreißung vom Faktischen und Bisherigen macht. Die Theatermetapher »Engagement« verrät wie im 20. Jahrhundert selbst eine profunde Lehre von der menschlichen Freiheit dazu verwendet werden könnte, der Zerstörung der Kontemplation in die Hände zu arbeiten.



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(Scheintod im Denken, S.140-1)

Zehn Attentäter .5

An fünfter Stelle möchte ich die Erschütterung des Glaubens an desinteressierte Erkenntnis in den modernen Naturwissenschaften erwähnen, die insbesondere durch die Ereignisse von Hiroshima und Nagasaki hervorgerufen wurde. (...) Die Konsequenzen hieraus hat namentlich der (in die Entwicklung der nicht-verwirklichten »deutschen Bombe« involvierte) Physiker-Philosoph Carl Friedrich von Weizsäcker gezogen, in dem er die für alle Zukunft unentbehrliche Formel »Wissenschaft und Verantwortung« prägte.



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(Scheintod im Denken, S.139)

Zehn Attentäter .4

An die vierte Stelle rücke ich die Subversion der abendländischen Rationalitätskultur durch die phänomenologische Analyse, die alle Theorie auf den vortheoretischen Grund der »Stimmung« setzte. Hier ist vor allem an Martin Heidegger zu erinnern.



Sl***
(Scheintod im Denken, S.138)

Zehn Attentäter .3

An die dritte Stelle [nenne ich] die Unterwanderung des klassischen Apathie-Prinzips durch das parteinehmende Denken. (...) [Georg Lukács] kommt unter den Denkern des 20. Jahrhunderts insofern ein so herausragender wie problematischer Rang zu, als er nach seiner Konversion zum Marxismus das Prinzip »Klassenbewußtsein« zum Apriori aller moralisch vertretbaren geistigen Tätigkeiten zu erheben versuchte. Dabei trug er nicht nur das seine bei zum Beschuß der alteuropäischen Akademia durch die Kampfkategorie der »bürgerlichen Wissenschaft« mit deren Hilfe jede nicht-marxistische Form von Theoriebildung als Komplizin des »Bestehenden« diffamiert werden sollte, als Apologet von Lenins und Stalins exterministischer Politik beteiligte Lukács sich an der Verklärung der »revolutionären Gewalt« in der Sowjetunion — deren Opfer in Größenordnungen zwischen fünfundzwanzig und vierzig Millionen Menschenleben liegen.



Sl***
(Scheintod im Denken, S.137-8)

Zehn Attentäter .2

An zweiter Stelle nenne ich die Abkehr des modernen Denkens von den Fiktionen des epistemischen Souveränismus. Hier ist vor allen anderen Friedrich Nietzsche zu erwähnen, dessen theoretische Impulse auf eine Kritik der perspektivischen Vernunft hinauslaufen. Nietzsche hat in seinen Beiträgen zur Vernunftkritik nicht weniger geleistet als den Nachweis, daß alle Erkenntnis von lokalem Charakter ist und daß kein menschlicher Beobachter es bei der Nachahmung des göttlichen Auges so weit zu bringen vermag, den eigenen Standort wirklich zu transzendieren.



Sl***
(Scheintod im Denken, S.136-7)

Zehn Attentäter .1

An erster Stelle ist hier die Zurückbettung der Theorie in die Praxis zu nennen (...). Es beginnt das zweite demokratische Experiment, sofern Demokratie (...)nur ein anderer Name für die Priorisierung des praktischen und politischen Lebens gegenüber sämtlichen anderen Daseinsprojekten ist.



Stellvertretend für viele andere Denker dieser Tendenz ist hier der Name von Karl Marx anzuführen. Mag er auch nur ein dubioser Zeuge für das Interesse an Demokratie sein, so ist an seiner Vorreiterrolle bei der Unterwerfung des theoretischen unter das praktische Leben nicht zu zweifeln. Mit seinem Werk verbindet sich der schicksalhafte Einbruch des Realen in die Sphäre der Theorie. Schicksalhaft wurde diese Wende vor allem deshalb, weil Marx das Wesen des Realen nicht nur als materielle Produktion, sondern auch als Krieg um die Aneignung der Produkte auslegte, mithin als immerwährender Klassenkrieg (...).

Sl***
(Scheintod im Denken, S.134, 135)