Die von Natur aus Weltabgewandten scheinen prädestiniert, von Visionen und Einfällen heimgesucht zu werden. Nicht selten sind es die weltverlorenen Menschen, die ihrer ferngerückten Mitwelt auf dem Umweg über ihr tonisches Innenleben viel zurückgegeben haben. Wer einer solchen Haltung zuneigt, bewegt sich in einem selbstverstärkenden Zirkel. Wenn sich der melancholicus in sein Inneres zurückzieht, ist er spontan disponiert, den Übergang vom existentiellen Abseitsstehen zum methodischen Abstandnehmen zu vollziehen. Er macht aus dem habituellen Schritt zur Seite den Theoriefördernden Schritt zurück. Er exerziert die Einklammerung seiner Lebensbezüge in natürlicher epoché. Hierdurch besitzt er einen Trainingsvorsprung bei den Haltungen, die den bios theoretikos und das vielgelobte Urteil sine ira et studio begünstigen.
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(Scheintod im Denken, S.85-6)
Zweite Chance für die Philosophie
Sobald mit der europäischen Renaissance ein neuer Zyklus des forschenden Denkens einsetzt, das sich Zug um Zug von der Theologie emanzipiert, kann die wiederkehrende Philosophie sich eine zweite Chance ausrechnen. Mit ihr meldet sich — unvermeidlich — das verliererromantische Syndrom zurück. Die Ambition der neuzeitlichen Philosophie zielt freilich weiter, als die antike es sich träumen ließ. In der Moderne wird die Überbietung der Selbstbeherrschung durch die Weltbeherrschung auf die Tagesordnung gesetzt.
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(Scheintod im Denken, S.79)
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(Scheintod im Denken, S.79)
Nebenkaiser des Denkens
Die Spätantike erlebt schließlich den Untergang der Philosophie in der Theologie. Die freie Verliererromantik muß den funktionalen Imperativen des monarchischen Weltalters weichen. (...). Die (...) Fürsten sind an Priestern, nicht an Philosophen interessiert: Die Rolle des Souveräns ist für anderthalb Jahrtausende eindeutig vergeben. Monarchen ist nicht an Schülern gelegen, sondern an Gefolgschaften. Nebenkaiser des Denkens werden nicht gebraucht.
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(Scheintod im Denken, S.79)
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(Scheintod im Denken, S.79)
Verliererromantik
Nichts ist für die Verliererromantik so charakteristisch wie die Tendenz, daß ihre Akteure sich die eigene Ohnmacht in praktischen Dingen als Tugend anrechnen und ihre Unbrauchbarkeit zu konkreten Ämtern und Diensten als Beweis der zuständigkeit für sämtliche Weltprobleme proklamieren. Mit den philosophierenden Kosmopoliten der nachplatonischen Ära tritt der Typus der freischwebenden Intellektuellen auf den Plan, die aus der Not der Niederlage die Tugend der Bindungslosigkeit machen — ergänzt um das Recht der Einmischung in alles, was Menschen angeht. Romantik ist imaginärer Souveränismus in nach-politischen Situationen.
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(Scheintod im Denken, S.76)
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(Scheintod im Denken, S.76)
Zerfall der Polis und der Tod
Nach dem Zerfall der Polis in ein Konglomerat von Interessengruppen, die kein gemeinsamer Gott mehr zu vereinigen vermochte und die kein glaubwürdiges Decorum in die Pflicht nahm, tritt die Philosophie auf den Plan, um den Tod eine umstürzend neue Bedeutung zuzuschreiben. Er wandelt sich von einer potentiellen Opfergabe des Bürgers an das Gemeinwesen zu einem Gegenstand romantischer Spekulation, gelegentlich zu einem Spielzeug metaphysischer Laszivität. Vor allem aber wird der Tod, als bewußte Rückkehr in den Ursprung verstanden, zu einer Aufgabe, der sich die Einzelnen mit letzter Verbindlichkeit widmen können, ohne daß ihnen die »Gesellschaft«, jetzt nur noch ein äußerliches Miteinander individualisierter Interessenverfolger, dazwischenreden dürfte.
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(Scheintod im Denken, S.73)
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(Scheintod im Denken, S.73)
Platons Akademia .3
Die institutionelle Etablierung der Philosophie durch die Eröffnung von Platons Schule um 387 v.Chr. war eine Reaktion auf den Zusammenbruchs des athenischen Polismodells. Sie zog die Konsequenzen aus den kruden Evidenz, daß die Demokratie als kollektive Form des guten Lebens gescheitert war. Die Politik, als geteilte Sorge um das Gemeinwesen, hatte aufgehört, das höchste Bedürfnis des Geistes zu sein. (...) Die Philosophie, wie Platon sie der Nachwelt übergab, ist eine Tochter der Niederlage und zugleich deren Kompensation durch eine geistreiche Flucht nach vorn.
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(Scheintod im Denken, S.69)
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(Scheintod im Denken, S.69)
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