O Mensch! Gib Acht!
Was spricht die tiefe Mitternacht?
"Ich schlief, ich schlief -,
"Aus tiefem Traum bin ich erwacht: -
"Die Welt ist tief,
"Und tiefer als der Tag gedacht.
"Tief ist ihr Weh -,
"Lust - tiefer noch als Herzeleid:
"Weh spricht: Vergeh!
"Doch alle Lust will Ewigkeit -,
"- will tiefe, tiefe Ewigkeit!"

Unser Selbst ist in seinem Wesen verhältnishaft

Wir vernehmen nicht deshalb Farbe und Ton und Geruch, weil wir sehen oder hören und riechen, sondern umgekehrt: weil unser Selbst in seinem Wesen verhältnishaft ist, d.h. einen Bezirk von Vernehmbarkeit überhaupt sich voraus- und vorhält und zu diesem sich verhält, deshalb können wir uns als solche vernehmend innerhalb eines und desselben Bezirkes zerstreuen, und erst deshalb können wir uns als dieselben bald in ein Seh- oder Hör-, bald in ein Riechverhältnis verlegen.

H***
(Vom Wesen der Wahrheit, S. 176-7)

Das Gesichtete in seinem Gesichtetsein

Dieses, diesen einen, uns je schon vorgehaltenen Bezirk möglicher Vernehmbarkeit des Wahrgenommenen in seinem Vorgehalten-sein, sagt Platon, kann man, wenn es beliebt, »Seele« nennen. Also was ist die Seele>? Dieser eine uns umfangende Bezirk der Vernehmbarkeit, genauer: dieses Gesichtete in seinem Gesichtetsein. Die »Seele« ist das diesen einen Bezirk der Vernehmbarkeit Vorhaltende, in eins mit diesem Bezirk selbst.

H***
(Vom Wesen der Wahrheit, S. 175)

Dieser eine Bezirk der Vernehmbarkeit

(...) daß überhaupt alles Wahrgenommene, was uns begegnet, sich zusammenfindet, je sich zusammen hin-streckt in einen Bezirk des Vernehmbaren, das uns umgibt; es muß ausbreitend sich hinhalten, und zwar sich zusammennehmend auf Eines, das so etwas ist wie ιδεα.

Dieses Eine entsteht nicht erst aus, durch und mit einzelnen Wahrnehmungen und deren Wahrgenommenem, Farbe und Ton, sondern dieser eine Bezirk der Vernehmbarkeit ist solcher εις ο..., — er ist »etwas, woraufzu...«, was also schon da ist. Er wartet gleichsam auf solches, was sich in ihn hinein und innerhalb seiner zusammenstreckt und sich zusammenfindet, was uns dann und wann und im Grunde ständig in der Wahrnehmung begegnet.

H***
(Vom Wesen der Wahrheit, S. 174-5)

So etwas wie eine Idee

Δεινον γαρ που, ω παι, ει πολλαι τινες εν ημιν ωσπερ εν δουρειοις ιπποις αισθησεις εγκαθηνται, αλλα μη εις μιαν τινα ιδεαν, ειτε ψυχην ειτε οτι καλειν, παντα ταυτα συντεινει, ηι δια τουτων οιον οργανων αισθανομεθα οσα αιθητα.

»Unheimlich nämlich, mein Sohn, wäre es, wenn so viele Wahrgenommenheiten in uns drinnen gleichsam versprengt an verschiedenen Stellen zusammensäßen, so wie die Krieger im hölzernen Pferde, und wenn nicht alles dieses zusammen sich hin-streckte auf so etwas wie eine Idee, d.h. auf ein gewisses eines, einziges Gesichtetes, mag man das »Seele« nennen oder sonstwie.«

P***
(184 d 1)

Wissen ist Wahrgenommenheit

Wissen, Sich-verstehen auf etwas als Besitz von Wahrheit, d.h. Unverborgenheit, ist Wahrgenommenheit.

H***
(Vom Wesen der Wahrheit, S. 165)

Wahrgenommenheit

Das Wahrgenommene als solches, d.h. in seiner Wahrgenommenheit, ist das Selbige wie φαντασια, das Sich-zeigende in seinem Sich-zeigen. αισθησις meint Wahrgenommenheit von etwas.

H***
(Vom Wesen der Wahrheit, S. 164)